WebZitat: Moral ist nicht angeboren sondern Verhandlungssache

Kompletter Text „Das relative Gute“ von Steve Ayan unter http://psyche-und-arbeit.de/?page_id=6259

Der ständige Appell, sozial verträglich zu handeln, sowie eine Fülle von Konventionen formen mit der Zeit eine Vorstellung davon, was sich gehört und was nicht. […] Hier gibt es aber durchaus großen Spielraum, wie ein Bick auf andere Kulturen zeigt. […´]

[Die] Dual Process Theory (»Zwei-Prozess-Theorie«) des moralischen Urteilens [..] besagt kurz, dass ethische Fragen im Gehirn zwei verschiedene Pfade aktivieren, einen kognitiven und einen emotionalen. Die Gefühle hätten dabei das letzte Wort: Wir mögen manches zwar vernünftig finden, gut und richtig werde es erst kraft unserer Emotionen. […]

Wissenschaftlern gelang es, moralische Urteile zu manipulieren, indem sie die Gefühle der betreffenden Probanden zuvor in bestimmte Bahnen lenkten. […]

Dass sich moralische Emotionen im Gehirn niederschlagen, beweise [aber] keineswegs, dass ihr jeweiliger Gegenstand irgendwie biologisch festgelegt sei. 

Das Gehirn kann sogar auf verschiedenen Wegen zur gleichen moralischen Bewertung kommen. […]business-1869266_1280

[…] die Maßstäbe, die wir anlegen, [sind also] nicht fix und unhinterfragbar. Warum müssten wir auch sonst so viele Worte darum machen und so viel Mühe auf ihre Beachtung verwenden, wenn nicht zu dem Zweck, sie uns und unseren Kindern beizubringen? […]

Offenbar hängt das Urteil über ein Tun stark vom Drumherum ab, sei es die persönliche Situation (Lüge), die verfolgte Absicht (Verrat) oder der politische Kontext (Waffen). Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Es gibt oft keine moralisch saubere Lösung. Wir müssen stets neu entscheiden, worauf es im jeweiligen Fall mehr ankommt – und die ethischen Kosten abwägen. […]

Wie bereits der antike Philosoph Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) erklärte, bedeutet Moral nicht das Anwenden eines strikten Regelwerks, sondern das Gewichten verschiedener Ansprüche, die wir an unser Handeln und seine Konsequenzen stellen. Wer nach den biologischen Wurzeln der Ethik sucht, unterschätzt dabei leicht die Macht der Kultur. Dann ist es häufig nur noch ein kleiner Schritt, vermeintlich »Widernatürliches« wie Homosexualität oder Suizid kategorisch abzulehnen. […]

Andererseits birgt auch zu großer Relativismus Risiken für die Gemeinschaft, denn die lebt davon, dass Menschen miteinander und nicht bloß nebeneinanderher agieren. Wie viel Toleranz muss also sein? Eine Antwort darauf gilt es immer wieder auszuhandeln; auch die Neuroethik liefert keine bessere Lösung. Doch sie lehrt zumindest eins: Nicht Gut und Böse selbst sind im Gehirn angelegt, sondern unsere Fähigkeit, sie zu empfinden. Der Mensch ist zur Moral geboren, nur nicht zu einer bestimmten.“

 

Quelle: Ausschnitte aus „Das relative Gute“ von Steve Ayan unter http://psyche-und-arbeit.de/?page_id=6259

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