Buchzitat: Psychische Grundbedürfnisse (Grundlegendes)

siehe zu diesem Thema auch „Psychische Grundbedürfnisse des Menschen“

„Da es nicht effektiv ist, wenn das Überleben eines Individuums und seiner Art vom Zufall abhängt, haben sich im Laufe der Evolution bei allen bis heute erhaltenen Arten „veranlagte“ Verhaltensbereitschaften herausgebildet, die überlebensdienliches Verhalten provozieren. Viele Arten sind in ihrem Verhalten nahezu komplett durch unflexible biologische Instinkte gesteuert. Beim Menschen findet man hingegen nur noch wenige Verhaltensweisen, die wirklich Instinktcharakter haben (vgl. Schneider & Lindenberger, 2012, S.133/166 ff.; Wilson, 2013, S.192 ff.). An deren Stelle hat sich bei uns ein System aus relativ groben Verhaltensklassen verankert, das uns erlaubt, flexibel auf sich ändernde Umweltreize zu reagieren. Diese flexiblen Verhaltensklassen sind unsere körperlichen und psychischen Bedürfnisse, die Verhalten motivieren, jedoch nur begrenzt spezifische Verhaltensweisen zur Befriedigung vorgeben. So gibt beispielsweise Hunger nicht vor, was wir essen sollen und das Gefühl der Einsamkeit nicht, wie wir Gemeinschaft erlangen sollen. So können wir großteils durch erlerntes Verhalten die Befriedigung unserer Bedürfnisse auf die Gegebenheiten unserer Umwelt abstimmen.tree-fern-320078_1280 Dies hat die Anpassungsleistung des Menschen, und damit seine biologische Fitness (= Passung; aus dem Englischen „to fit“) sehr gesteigert. Neben den körperlichen Bedürfnissen haben sich diese psychischen Grundbedürfnisse im Laufe der Evolution so tief verankert, dass eine Verletzung dieser, vergleichbar mit der Verletzung körperlicher Bedürfnisse, Unwohlsein, Schmerzen (vgl. Henningsen et al., 2006, S.19 ff.), und bei längerer Frustration psychische Störungen auslösen können (vgl. Grawe, 2004, S.183 ff.).

Wenn man sich die vier von Grawe genannten Grundbedürfnisse anschaut und sich überlegt, in welcher Umwelt sich diese selektiert haben, ist deren Sinn offensichtlich1. Das Bedürfnis nach 1.) Orientierung und Kontrolle, veranlasste unsere Vorfahren (und uns) dazu, den Überblick über ihre Umwelt mit potentiellen Gefahren, Ressourcen etc. zu behalten und zu versuchen, die Kontrolle über die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu erlangen. Dies war und ist auch heute noch die absolute Voraussetzung für das eigene Überleben. Das Bedürfnis nach 2.) Lustgewinn und Unlustvermeidung sorgt dafür, dass die eigenen Ressourcen und die eigene Energie nur eingesetzt werden, wenn sie den eigenen körperlichen oder psychischen Bedürfnissen nützen (also positive Emotionen erzeugt), was eine effiziente Nutzung von Ressourcen begünstigt. Da das Gleichgewicht zwischen Energiegewinn und Energieaufwand ein durchaus sensibles ist, spielt dieses Bedürfnis auch im Bezug auf Motivation eine besondere Rolle. Das Bedürfnis nach 3.) Bindung sorgt dafür, dass sich Individuen in Gruppen zusammen finden, was den besten Schutz gegen Gefahren darstellt und den Ressourcenpool aller vergrößert. Gleichzeitig entstehen mit dem Leben in einer Gruppe Lebensbedingungen, die Konkurrenz und Machtkämpfe unter den Gruppenmitgliedern auslösen. Damit gruppeninterne Konflikte nicht die ganze Kraft der Gruppe aufzehren, hat sich das Bedürfnis nach 4.) Selbstwerterhalt und Selbstwerterhöhung entwickelt, was sozial erwünschtes Verhalten provoziert und den Ausbruch aussichtsloser Machtkämpfe in der Gruppe gering hält.

man-489744_1280Diese vier Grundbedürfnisse lassen sich kaum ihrer Wichtigkeit nach in einer Hierarchie anordnen. Jedes ist wichtig. Deshalb müssen alle vier ausreichend befriedigt sein, damit wir gut gedeihen, sprich, uns wohl fühlen und psychisch gesund sind. Wird eines oder mehrere dieser psychischen Grundbedürfnisse nicht befriedigt, entsteht ein Widerspruch in unseren neuronalen Schaltkreisen. Diese Diskrepanz zwischen Ist- (unbefriedigte Bedürfnisse) und Soll-Zustand (befriedigte Bedürfnisse) in unserem Gehirn wird als Inkonsistenz2 bezeichnet. Da die Herstellung des Sollzustandes unser Überleben am besten sichert, motiviert Inkonsistenz Verhaltensweisen, die durch Befriedigung der Grundbedürfnisse wieder das Gleichgewicht in unserer Psyche (= Konsistenz) herstellen. Das Streben nach Konsistenz ist somit die bewegende Kraft in unserem neuronalen/psychischen Geschehen (vgl. Grawe, 2004, S.191).

Da Konsistenz zudem wichtig für das effektive Arbeiten unserer Psyche ist, hat letztere eine Vielzahl an Mechanismen entwickelt, um Konsistenz aufrechtzuerhalten, falls wir nicht selbst durch unser Verhalten negative Emotionen verhindern und positive provozieren können. […]

Inkknowledge-1052011_1280onsistenz ist ein Zustand, den wir meiden, da er uns sehr unangenehm ist. […] Grundsätzlich lässt sich sagen: Inkonsistenz entsteht, wenn Sinneseindrücke, Gedanken, Emotionen… unser Verhalten hemmen (z.B. durch Widersprüche) oder wenn diese nicht im Sinne unserer Grundbedürfnisse und somit nicht unserem Überleben zuträglich sind.

[…] Das Streben nach Erfahrungen, die gut für uns sind (also unsere Grundbedürfnisse befriedigen) und miteinander vereinbart werden können, ist also die Basis von Motivation.“

 

1Natürlich handelt es sich bei meinen entsprechenden Interpretationen nur um Rückschlüsse, die, wie die gesamte Evolutionspsychologie, auf einem unvollständigen Wissen über die Evolution des Menschen aufbauen, auf dieser Grundlage (vgl. Junker, 2006; Wilson, 2013; Schneider & Lindenberger, 2012, S.61 ff.) jedoch plausibel scheinen.“

2„Inkonsistenz meint die Unvereinbarkeit, Diskrepanz, Nichtübereinstimmung gleichzeitig aktivierter psychischer/neuronaler Prozesse“ (Grawe, 2004; S. 235)

Quelle:

Johannes St. (2015): Motivation als Schlüssel für ein gelingendes Leben – Bedeutung motivationaler Aspekte für die Sozialen Arbeit im Umgang mit Jugendlichen; MV-Wissenschaft Verlag;

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