EigenerText: Ausgeglichene Motive oder emotionaler Mangel?

übertragen von proceeding-alteration und überarbeitet

Menschen haben verschiedene Motive, die ihr Leben und Verhalten in besonderer Art und Weise prägen. Je nachdem wie dominant verschiedene Motive sind werden unsere Grundbedürfnisse unterschiedlich gut befriedigt. Ist ein Motiv sehr dominant z.B. das Leistungsmotiv, dann bekommen wir viel Anerkennung, da wir viel leisten, auf der anderen Seite kommen dann die anderen Motive wie das nach Bindung zu kurz. Um zu wissen, ob unsere Motive gleichmäßig stark ausgeprägt sind und uns damit ein ausgeglichenes Leben ermöglichen, oder ob eines sehr prominent ist und dadurch bestimmte andere Bereiche vernachlässigt werden, veraten uns unsere Emotionen.

Unsere Emotionen geben uns Auskunftbackflip-345027_1280

Unsere Emotionen geben uns also jederzeit Auskunft darüber, welche Grundbedürfnisse durch unser Verhalten und unsere Motive (Beweggrund für unser Handeln) gut befriedigt sind und welche nicht. Doch müssen wir diese Botschaft auch verstehen! Um die Botschaft unserer Emotionen zu verstehen ist es wichtig sich mit den grundlegenden Motive des Menschen und den damit einhergehenden Emotionen zu befassen.

Unsere „Bewertungsvoreingenommenheit“ gegenüber bestimmten Verhaltensweisen wird als Motiv bezeichnet und gibt an, welche Situationsklassen und Erlebnisse wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse suchen und welche wir meiden. Sprich ob wir uns gerne in Leistungssituationen begeben (Leistungsmotiv), ob wir gerne den emotionalen Austausch mit anderen Menschen (Bindungsmotiv) suchen oder ob wir andere Menschen gerne in ihren Entscheidungen beeinflussen (Machtmotiv).

Die drei Motive menschlichen Verhaltens

In der Motivationspsychologie wurden die drei Motive, Leistung, Macht und Anschluss als grundlegende Motive menschlichen Verhaltens besonders ausführlich untersucht (vgl. Rothermund 2011), da sie scheinbar eine recht große Rolle in dem Verhalten von Menschen spielen. Dies scheint insofern nachvollziehbar, da

Annäherungsmotive:

  • Leistung (Gefühl der Anerkennung) direkt mit dem psychischen Grundbedürfnis nach Selbstwerterhalt/Selbstwerterhöhung (da man meist Anerkennung erhält und stolz auf sich ist), sowie mit dem Bedürfnis nach Kontrolle/Orientierung einhergeht (man hat die Kontrolle über die Aufgabe, die man bewältigt, sowie über die eigene wirtschaftliche Lage), zudem auch noch Bindung zu anderen Menschen herstellt (man arbeitet im Team, ist über die Arbeit sozial eingebunden und man tut etwas für andere, die einem im Gegenzug etwas „schulden“)

  • Macht (Gefühl der Einflussnahme) besonders stark mit dem Grundbedürfnis nach Kontrolle/Orientierung verbunden ist (man hat größt mögliche Kontrolle über die Umwelt), sowie mit dem Grundbedürfnis nach Selbstwerterhöhung/Selbstwertschutz einhergeht (da die Personen, die in der Hierarchie weit oben stehen meist sehr positiv behandelt werden und Anerkennung erhalten, sowie viele Privilegien inne haben). Das Bindungsbedürfnis wird auch in einer gewissen Weise befriedigt (die anderen werden an einen gebunden und brauchen einen und sind daher um die Beziehung bemüht).

  • Anschluss (Gefühl von Nähe) nahe zu identisch mit dem Grundbedürfnis nach Bindung ist

Vermeidungsmotive:

Motive sind Strategien zur Bedürfnisbefriedigung

Es wird also ersichtlich dass sich unsere Psychischen Grundbedürfnisse anhand unserer Motive und der daraus entstehenden Ziele in konkretes Handeln umsetzen. Jetzt ist es so, dass alle Menschen die gleichen psychischen Grundbedürfnisse haben (Grawe 2004), bei der Ausprägung dieser drei besonders relevanten Motive aber deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen auftreten. Diese verschiedene Gewichtung dieser Motive spiegelt sich unter anderem in unterschiedlichen Persönlichkeiten, in verschiedenem Verhalten und beschert uns in der Folge andere Erlebnisse, die letztlich unsere Grundbedürfnisse befriedigen.

So gibt es Menschen, die ein sehr ausgeprägtes Leistungsmotiv haben, oder welche die in besonderem Maße nach Macht oder Anschluss streben. Irgendwo strebt jeder Mensch nach allen dreien dieser Motive (da es einfach für das eigene Überleben sinnvoll ist), doch in unterschiedlicher Intensität. Meist ist ein Motiv dominanter als die anderen, da man gelernt hat auf eine bestimmte Art und Weise am besten seine psychischen Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Ungleichgewicht der Motive führt zu emotionalem Mangel

Doch was passiert jetzt, wenn ein Motiv sehr dominant ausgeprägt ist und ein anderes entsprechend nur sehr schwach? Da es kein Motiv gibt, dass alle psychischen Grundbedürfnisse gleichzeitig befriedigen kann, entsteht bei einem derartigen Ungleichgewicht ein latenter Mangel, der langfristig zu Unzufriedenheit führen wird. Wer viel leistet und sich nicht auf Beziehungen einlässt, sich nicht um diese bemüht etc. der wird kaum die Kompetenzen erwerben um zufriedenstellende Beziehungen zu erleben, die sein Bindungsbedürfnis gut befriedigen können. In diesem Falle wäre das Ergebnis wohl Einsamkeit. Wer wiederum nur in Bindung investiert, wird sein Leben nicht auf die Reihe bekommen, was langfristig auch unglücklich machen kann. Gleiches gilt für ein übermäßiges Machtmotiv. Wer mächtig ist, wird zwar gefürchtet aber nicht geliebt und wird sein Bindungsbedürfnis demnach auch nur bedingt befriedigen können.man-871960_1280

Bedeutung negativer und positver Emotionen

Wie wir wissen entstehen negative Emotionen, wenn unsere Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Positive Emotionen hingegen gehen mit Situationen einher, die gut für unsere Bedürfnisse sind und diese befriedigen, oder auf eine Befriedigung hinarbeiten. Somit sagen uns negative Emotionen, dass wir einen Mangel haben und positive Emotionen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Je nachdem welche negative Emotion wir nun erleben, können wir dadurch auf das unbefriedigte Bedürfnis schließen (da es darum geht einen Mangel zu beheben, nenne ich hier nur die negative Emotion zu jedem Bedürfnis – angelehnt an (Lammers 2007)).

Traurigkeit → weißt auf ein unbefriedigtes Bindungsbedürfnis hin

Ärger/Frust → auf ein unbefriedigtes, bzw. verletztes Selbstwertgefühl

Angst/Unsicherheit → auf ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle

Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit → Weißt auf ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung hin. Beispielsweise, wenn wir Ziele verfolgen, die nicht mit unseren Emotionen einher gehen, oder uns über-/unterfordern bzw. keine gute Selbstwirksamkeitserwartung haben

Vermeidung führ zu einseitig ausgeprägten Motiven

Wenn ich nun immer wieder eine spezifische negative Emotion erlebe, dann weiß ich, dass eins meiner Grundbedürfnisse nur unzureichend befriedigt ist. Wenn ich zum Beispiel sehr oft traurig bin, ist das mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit mein Bindungsbedürfnis. Entweder kann ich mich damit abfinden (aber wer das will liest bestimmt nicht diesen Text), oder ich kann mein Verhalten so verändern, dass dieser Mangel nicht mehr auftritt.

Das Problem bei dem Ganzen ist, dass der Mangel erst auftritt, da ich bestimmte Verhaltensweisen und Situation anderen vorziehe, also die unangenehmen (denen ich nicht so gut gewachsen bin) vermeide und die angenehmen (denen ich gewachsen bin) suche. Dies äußert sich im Laufe der Zeit darin, dass bei mir das ein oder andere Motiv besonders ausgeprägt ist. Das Motiv, dass bei mir besonders ausgeprägt ist, bekommt diesen Status meist, da ich in diesem Bereich besonders gut bin oder durch Erziehung gelernt habe, dass dieser Bereich wichtiger ist als andere. Doch letztlich gelingt es uns nur glücklich zu sein, wenn wir alle wichtigen Lebensbereiche in einem sinnvollem Maße in unser Leben integrieren. Das heißt wir müssen ein Gleichgewicht zwischen sämtlichen Motiven finden, das zu unserer Person passt und uns glücklich macht.

Vernachlässigte Motive ausbauen

Wenn ich jetzt beispielsweise ein besonders ausgeprägtes Leistungsmotiv habe, und das Macht und das Bindungsmotiv nicht so ausgeprägt sind, werde ich wohl häufig traurig sein und immer wieder in Situationen kommen, die mich überfordern oder mir Angst machen (das sind die entsprechenden Emotionen). Die Situationen, die mich vielleicht überfordern oder mir unangenehm sind fange ich irgendwann an zu vermeiden. Bei einem schwachen Anschlussmotiv und Machtmotiv sind diese unangenehmen Situationen vielleicht gerade diese, die mit anderen Menschen zu tun haben. Die Folge des schwachen Anschluss und Machtmotiv ist eine schlechte Integration und wenige nicht sehr tiefe Beziehungen zu anderen Menschen. Entsprechend begleiten mich negative Emotionen, die meiste Zeit meines Lebens.

Erst wenn ich versuche die vernachlässigten Motive auszubauen, werden die negativen Gefühle weniger werden.

Exposition und das Aushalten unangenehmer Situationen

Doch das Ausbauen von vernachlässigten Motiven ist nicht leicht, da man sich zunächst in Situationen begeben muss, die einem unangenehm sind, die einen überfordern und in denen man sich nicht wohl fühlt. Aber erst dadurch, dass man diese Situationen aufsucht, die man bisher gemieden hat, lernt man die Kompetenzen, die notwendig sind um sich in diesen Situationen wohl zu fühlen und erst wenn ich mich beispielsweise im Umgang mit anderen Menschen kompetent und wohl fühle, wird es mir gelingen das Anschlussmotiv auszubauen, wodurch dieses auch mehr Gewicht im eigenen Leben bekommt und somit die negativen Emotionen den positiven Emotionen weichen. Der Weg dort hin, ist natürlich ein gutes Stück Arbeit 🙂 aber machbar.

Leider ist unsere Gesellschaft so beschaffen, dass sie Lebensweisen mit einseitigen Motiven provoziert. Was zum einen daran liegt, dass viele relevante Kompetenzen (insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich) nicht vermittelt werden, sowie dass die straffen Anforderungen das Erschließen und Pflegen verschiedener Motive verhindern oder erschweren.

Offen gegenüber Neuem oder nicht Gemochtem

Da man mit der eigenen Motivpräferenz auch positive und negative Emotionen gegenüber bestimmten Verhaltensweisen erwirbt, muss man auch offen gegenüber anderem sein, sprich seine Einstellungen verändern. Das heißt wir müssen Verhaltensweisen, Orte, Hobbys, Tätigkeiten, Themen etc. die wir vielleicht als nicht positiv bewerten, besser kennen lernen um an diesen auch etwas positives zu finden. Erst wenn wir in unserer Einstellung offen gegenüber anderem Verhalten und anderen Leuten … werden können wir auch unsere Motive in diese Bereiche ausdehnen. Denn wie soll ich besser mein Bindungsbedürfnis befriedigen, wenn ich die meisten anderen Menschen ablehne? Mit diesem Widerspruch wird es nicht gelingen, erst muss ich das vernachlässigte Motiv um bewerten. Hierfür muss ich meine Einstellungen reflektieren und z.B. zu jeder negativen Seite die ich finde versuchen mindestens genau so viele positive Seiten zu finden.

Von anderen lernen

Dieser Prozess wird seine Zeit in Anspruch nehmen, lässt sich aber vollziehen. Hilfreich ist auch sich zu belohnen und mit Menschen zu umgeben, bei denen das gewünschte Motiv stark ausgeprägt ist, da man von diesen Verhaltensweisen, Einstellungen und alles relevante lernen kann. Das Schwierigste an diesem Prozess ist wohl, sich selbst zuzugestehen nicht gleich erfolgreich zu sein, sondern gnädig mit sich selbst zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich viel Ausdauer, Nachsicht und Freude bei dem Entdecken der Möglichkeiten die in dir stecken 🙂

euer Johannes Supertramp

GRAWE, Klaus (2004): Neuropsychotherapie; Hogrefe Verlag;

LAMMERS, Class-Hinrich (2007): Emotionsbezogene Psychotherapie; Schattauer Verlag;

ROTHERMUND, Klaus &, EDER, Andreas (2011): Motivation und Emotion; VS Verlag;

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